Ein Leben nach dem Untergang – Upcycling

Ein Leben nach dem Untergang – Upcycling

Gemütlich vor dem Fernseher lümmeln. In der Linken einen Smoothie, in der Rechten eine Packung Chips. Mein Favorit: mit Rosmaringeschmack. Draußen Regen, der ans Fenster klopft.

So kann ein Schlechtwetter-Nachmittag auch Spaß machen. Wenn da nicht das Problem mit dem Abfall wäre. Chips-Packungen sind mitunter schwer recycelbar und belasten die Umwelt über Gebühr: Sie glänzen wie Aluminium, sie sind sogar mit einer hauchdünnen Aluminiumschicht überzogen, das Trägermaterial besteht jedoch aus Kunststoff. Wohin also mit dem Müll? ORF Vorarlberg gibt auf seiner Webseite folgenden Tipp: Das Material zerknüllen – geht es schnell wieder auseinander, gehört es in den gelben Sack, bleibt es zerknüllt, handelt es sich um Alu und gehört zum Metall. (Quelle: https://vorarlberg.orf.at/v2/radio/stories/2985578/)

Upcycling, made by Martini Giallo

Oder wir betreiben Upcycling. Was das bedeutet? Beim Upcycling – aus den englischen Begriffen up („nach oben“) und recycling („Wiederverwertung“) – werden Abfallprodukte oder scheinbar nutzlose Stoffe in neuwertige Produkte umgewandelt. Im Gegensatz zum Downcycling kommt es bei dieser Form des Recyclings zu einer stofflichen Aufwertung. Dieser Idee hat sich Designerin Yvonne Loretz-Martini verschrieben. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, aus ebendiesen Chips-Packungen und Ähnlichem etwas Neues, im Alltag Wertvolles zu gestalten.

Unter dem klingenden Label „Martini Giallo“ produziert und vertreibt sie Taschen in allen erdenklichen Formen und Größen aus vermeintlichem Abfallmaterial: So kann es sein, dass der Chips-Konsument des verregneten Nachmittags seine Packung als Kosmetiktasche bei seiner Freundin oder als Federschachtel in der Schultasche seines Sohnes wiederfindet.

Accessoire mit Umweltschutz

Aber wie kommt jemand auf die Idee, sich mit Upcycling zu beschäftigen? Die Idee ist Yvonne Loretz-Martini vor etwa vier Jahren gekommen. Und zwar anlässlich einer Ausmistaktion im Sommer. Ihr fielen die pinkfarbenen Schwimmflügel ihrer Kinder in die Hände, die im Keller ein unwürdiges Dasein abseits jeglichen Tageslichts fristeten. Kurz entschlossen wurde recherchiert, wie das Material dieser Utensilien am besten wiederverwertet werden könnte, und so ist eine erste, höchst originelle Kosmetiktasche entstanden, die sich im täglichen Kampf mit der Außenwelt wacker schlägt. Und in einer leuchtend orangen Farbe erstrahlt. Wie es eben Schwimmflügel so an sich haben.

„Ich dachte mir, dass es eigentlich schade wäre, das Material, eigentlich ein kostbarer Rohstoff, in den Müll zu werfen und damit die Umwelt zusätzlich zu belasten“, erzählt sie von ihren Anfängen. Und so ging sie ans Werk und diversen (Verpackungs)Materialien an den Kragen. Chipstüten, Milkaverpackungen, Fair-Trade-Kaffeebehältnisse – wenig war vor ihrem Erfindergeist sicher. Doch ganz so einfach, wie die Geschichte klingt, ist sie dann doch nicht:

Dreifaches Upcycling

„Grundsätzlich verwende ich beschichtete Verpackungen. Doch deren Stärke reicht nicht aus, da sie bei der Verarbeitung mit der Nähmaschine reißen würden“, erklärt Loretz- Martini. Deshalb gibt sie eine weitere Beschichtung auf das Trägermaterial und füttert ihre Taschen innen mit Stoff. Uni, gemustert, strukturiert, sie verwendet alles, was ihr in die Hände fällt. Und was brauchbar ist.

„Dreifaches Upcycling“, meint sie. „ Als Beschichtungsmaterial dienen mir übriggebliebene Einbandfolien für Bücher, die Stoffreste stammen aus verschiedensten Quellen: Schule, Bekannte, Freunde.“ Ihr Umfeld recycelt gerne, was Yvonne dann mit viel Phantasie und Einfallsreichtum upcycelt.

Veredelung und „Pimpen“

Doch auch eine Veredelung ihrer Produkte darf nicht fehlen. So sammelt sie dafür Karabiner, Knöpfe und Ösen von Wegwerfgegenständen, säubert und restauriert sie und verwendet sie für ihre Taschen wieder. „Pimpen“, wie sie es bezeichnet.

Neben Verpackungsmaterial und Schwimmflügeln kommen mittlerweile auch Fahrradschläuche zum Einsatz. „Zuerst werden die Schläuche im Keller gründlich mit Seifenwasser gesäubert, dann aufgeschnitten, die Innenseite, die teilweise pulverisiert ist, erneut gewaschen. Erst dann ist das Material für die weitere Verarbeitung geeignet“, erzählt sie.

Turnmatten? Einen Versuch wert

Ihre nächste Produktidee: alte Turnmatten. Wir alle kennen sie, die blauen, genoppten Ungetüme, die uns in unserer Schulzeit allerlei Übungen abverlangten: Rolle vorwärts, Rolle rückwärts, Handstand, Rad und noch so vieles mehr. „Momentan etwas schwierig“, wie sie meint, denn sie verfügt nur über eine herkömmliche Haushaltsnähmaschine. „Einfacher wäre es mit einer Industriemaschine, aber warten wir ab, was da kommt“, gibt sie sich kryptisch.

Gelernt hat Loretz- Martini ihr Handwerk in frühen Jahren in der Riedenburg, als das Unterrichtsfach „Kreatives Design“ im Schulzweig der HLW einen großen Stellenwert hatte. Nach der Matura lagen diese Kenntnisse einige Jahre brach, bis sie durch Zufall auf die Idee kam, der Umwelt etwas Gutes zu tun und Upcycling zu betreiben.

Echt italienisch – „Martini Giallo“

Und da die Freude an der Arbeit immer größer wurde, meldete sie in Zeiten von Corona ihr Gewerbe unter dem Label „Martini Giallo“ an. „Warum dieser Name?“, wollen wir wissen. Des Rätsels Lösung: Yvonne, eine geborene Martini, ist stolz auf den Namen ihrer Familie, der von Großvater Karl im vorigen Jahrhundert nach Vorarlberg getragen wurde. „Giallo“ steht für die Farbe Gelb, die für sie das Strahlen der Sonne symbolisiert.

Eine Webseite ist im Entstehen, doch ihre Arbeit mit Upcycling soll weiterhin Liebhaberei bleiben: „Einerseits eine wunderbare Beschäftigung, um in stressigen Situationen herunterzukommen, andererseits mein Beitrag zum Erhalt einer lebenswerten Umwelt.“ Darüber hinaus will sie Dinge produzieren, die den Menschen, die sie besitzen, von Nutzen sind. „Nicht einfach nur nettes Accessoire, sondern Gebrauchsgegenstand“ ist ihr Motto. Und produziert mit großem Enthusiasmus und Ideenreichtum weiter.  

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